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Künstlerinnen und Künstler für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Achtsamkeit

Götz Eisenberg

Wenn mal wieder alles andere wichtiger ist ...

" Zeit der Monster: Der Kapitalismus zerstört systematisch menschliche Bindungen, die das einzig wirksame Gegenmittel gegen Gewalt sind. Vandalismus und der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft "

(Ein Artikel aus der Jungen Welt vom 24. Juni 2019)

Wenn du Frieden willst, sorge für Gerechtigkeit !

(Inschrift auf dem Gebäude des Völkerbundes in Genf von 1919)

Akampita Steiner

die andere deutsche

Eine Kindheit in Deutschland

A. Steiner

Die Welt auf die ich kam, schien ausgebucht.

Von Seiten der Patentante, des Vaters und anderen Verwandten und Bekannten, hätte ich die Gebärmutter mit meiner pränatalen Fötenausstattung nicht beschwimmen sollen – mit keiner Urflosse. Meine Existenz stellt den Beweis der zweiten unehelichen Empfängnis meiner Mutter dar. Peinlich genug – wenn das alles gewesen wäre – doch: er – der Erotikpartner - war und ist türkischer Abstammung.

Denken wir an 1969: der deutsche Bundesbürger samt deutscher Bundesbürgerin, saß nach dem Horror nationalsozialistisch gelebt, gedacht und gehandelt zu haben, gut positioniert vor dem Fernseher, welches damals drei Programme zur Auswahl hatte: ARD, ZDF und WDR. Diese reichten aus, die Sendeempfänger auf dem Sessel zu bannen und paralysiert eine neue Ausrede zur gegenseitigen Verstummung zu präsentieren.

Die Wohnzimmergarnitur: beim Ottoversand oder Neckermann bestellt, auf Raten abbezahlbar. In den Namen eines untergegangenen deutschen Reiches wohnte es sich im Sudetenweg, in der Ostpreußenstraße und so mancher war in einem Eigenheim einer harmlosen Goethestraße undeutlich glücklicher aufgehoben.

Und in dieser sich selbst gefälligen Zeit komme ich zur Welt: teildeutsch, der Vater ein türkischer Krankenpfleger  (so wurde behauptet – ich habe nie nachgeguckt). Er, der damals schon fünf Kinder heldenhaft aus weiter Ferne ernährte, schuf sich ein amouröses Nebenleben mit meiner gestrandeten Mutter. Für uns war nichts mehr übrig. Uns erreichte kein Wirtschaftsaufschwung. Uns blieb das Sozialamt.

Dem kleinen Kind egal – es nimmt wie es kommt. Es kennt soziale Unterschiede in den ersten Lebensjahren nicht.  Und noch kam kein Säugling mit dem Ausruf „Nintendo“ zur Welt.

Meinen drei Jahre älteren Bruder entsetzte mein Erscheinen auf dem gleichen Flecken Erde unteilbar. Kontrolle war immer da, seitens der mütterlichen Infantin. So quälte er sie, das vermisste echte Interesse wenigstens in Sachmitteln und anderen Huldigungen ausgedrückt zu bekommen und dann erscheint dieses rosa Gekennzeichnete und klaut von ihm das, was zu wenig ist.

Das rosa Gekennzeichnete trug viele Namen: Doppelnamen eines vergangenen Habsburgertums und einen französischen Vorzeigenamen zum Aussprechen ohne gehänselt zu werden. „Je mehr Namen je mehr Ehre“ fand die gesellschaftlich in Ungnade gefallene, doch was sie mit Frankreich zu schaffen hatte, ist mir ein Rätsel. Vielleicht sollte jener Name meine mediterranen Haut und Haare erklären und das Französische war einfach schicker als die Türken vor Wien. Nun – heute trage ich einen Künstlernamen, der aus Indien stammt, mich an südamerikanische Urwälder erinnert, während ich am liebsten im katalanischen Frankreich weile und von einem griechischen Vater träume, mit dem ich über Platon, Sappho und Aristoteles sprechen kann. So viel zur Multikulturalität.

Nein – ein Kind zu zeugen ist nicht schwer – und den Eltern gebührt für diesen Akt keine Ehre – das kann jeder Schicklgruber. Mein Vater meinte, meine Mutter hätte ihm das Leben zerstört, indem sie ihm zwei Kinder gebar, die er nicht wollte. Die ihn Schulden machen und die Anschreiben des Jugendamts verstecken ließen, denn Alimente konnte er nicht zahlen und wir Geschwister waren ein Familiengeheimnis. Sein Geld finanzierte Schulen, Haus, Ausbildung der Halbgeschwister. Er der osmanische Held. Ein bisschen Interesse gab es für den Bruder, weil männlichen Geschlechts, doch ich war bar jeglicher Bedeutung. „Dein Bruder brauchte doch jemanden zum Spielen.“ erklärte die Mütterliche.

An meiner Mutter saugen tat ich nicht. „Du wolltest nicht“, sagte die Erzeugerin, die zwar in den Spiegel schaut, sich darin jedoch niemals selbst erkennt. So bin ich von den Kühen fern aufgezogen worden – vielleicht daher die Naturnähe.

Lächelnd erzählte mir die Mutter folgende Geschichte: sie habe mich als Säugling im Sommer im Auto vergessen. Sie ging dort mit ihrem Krankenpfleger an den Strand. Mein Kopf sei ganz rot und heiß gewesen als sie mich wiederfand. Dieselbe Ostsee, an der sie einst entlangfloh, an anderer Stelle. Wir überlebten beide die Ostseekatastrophe: sie mit einer Eisschicht auf dem Herzen – ich mit einem Sonnenstich.

Ich meine jedoch, mich an Momente des Friedens, im Kinderwagen liegend, welcher sich unter Bäumen befand, zu erinnern: das Rauschen der Trost spendenden Blätter. Das Streicheln des Windes. Das ist Zuhause. Die Erdmutter. Jedes Lebewesen gehört zu ihr. – Drinnen im Haus ist nicht gut – draußen, draußen ist besser.

Was ist das für ein Irrtum der Natur, aus dem der Mensch hervorging, dessen Umgang mit abhängigen, verletzbaren Wesen im Ergebnis einer Glücksspirale gleicht? – Nicht allen vergönnt. Eine Affenfamilie ist wissender. Zärtlich. Ohne Bücher. Ohne Gerald Hüther. Schon Kästner wusste: „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt…“

Die Affen wählen auch keinen Hitler. Und sie bauen keine Bomben, Gefängnisse, Irrenhäuser. Ja, auch sie prügeln sich, weil sie nicht genug Platz im Urwald haben. So ein paar Kilometer mit Wahnsinnigen die rumschießen, macht einfach nicht friedlich.

Christlich wurde ich erzogen. Jesus war mir ein Trost. Er sagte: „Was du einem anderen tust, das hast du mir getan.“ Und er ging zu den Zöllnern und nicht zu den Philistern. Diesen Jesus liebte ich. Der hatte Hand und Fuß.

Als Kind träumte ich davon Ballerina zu sein, Dudelsack zu spielen und mit einem Chow-Chow gleich dem Mann in den Bergen zu wohnen. Ist doch toll wenn alles möglich ist. Ich sah auch nie ein, dass ich als Mädchen Unrechte haben sollte, während das Männliche vor Richtigkeit erstarrte. Die Mutter meinte, die Frauen seien dem Manne Untertan. Im Gegensatz zu Jesus Aussage „was du einem anderen tust…“ glaubte ich diese anderen Bibelworte nicht. Ich fühlte ihre Richtigkeit nicht. Das war mir kein lebenswertes Leben. Zumal: wessen Untertan war nun die Mutter? Wir waren ihre Untertanen.

Und irgendwann sprang die Macht auf meinen Bruder. Er zog mich an den Haaren – ich durfte mich nicht wehren. Er befand auch, dass er alles wissen und erfahren würde.

Er, der Dicke wütende kleine Junge. Ich das fromme kleine Mädchen. Nachts im Traum war Gott nicht mit der Gier der Dicken – er war mit den Hungernden und Bescheidenen. Wir waren Kain und Abla – nur das ich nicht belohnt wurde. Doch unter diesem „Haben-Wollen“ zu leiden, war eine arge Bestrafung wie ich fand. Er tat mir leid, so gab ich ihm von meiner Schokolade, da er seine schon verschlungen hatte. Wer bettelt ist doch arm – da ich nicht jammere ist er der Ärmere. So empfand ich. Er fand das praktisch.

Nachts nannte mich eine Stimme bei meinem französischen Namen. Das war Zugehörigkeit. Wenn auch nicht auf der Erde, so doch im Himmel. Grade und anmutig stand ich zur frommen Säule gewachsen mit betenden Händen, damit die Lehrerin erkennen möge, dass ich Gott und Jesus schon aufgefallen war. Als sich in der Pause ein Mädchen die Zähne aufschlug, weinte ich, da es so war als, geschähe es mir.

An uns – Mutter, Bruder, mir – war etwas anders. Doch die anderen Kinder empfanden nicht mehr Glück, mehr Gerechtigkeit, mehr Mitgefühl in ihren Familien. Das wage ich zu behaupten, denn ich konnte es spüren. Oftmals waren sie materiell gesehen reicher – da war die Tochter vom Gefängniswärter, die Tochter vom Polizisten, die Tochter vom Metzger, die einzige Tochter vom Heilpraktiker – alle hatten sie Angst. Nirgendwo konnten die Kinder frei sprechen am Mittagstisch. Die Frauen schienen alle gleich: Hausfrauen, Lagerleiterinnen der Kleinfamilie, Verpetzerinnen, Abnickerinnen. Überall herrschte Gewalt: Schreie, Gebote, Verbote, Geheimnisse. Privatgefängnisse die jeglicher Schichtenzugehörigkeit entbehrten. Materielle Ausstattungen zur Tarnung: „Sie haben doch alles, die Kinder. Sie sind zu verwöhnt.“ Die Seelen verschwanden unauffindbar hinter der Kleidung. Die Gesichter erstarrten zu Masken. Es gab wenig freie Kinder. Ich habe sie nicht gekannt.

In der Siedlung kursierte das Gerücht, dass ich das schönste heranwachsende Mädchen sei – mit meinen Talenten Gesang und Tanz – und den Zigeunerlocken. „Elute“ tönt auswendig aus der Wohnung und „And I love her“ von den Beatles, obwohl ich die englischen Worte nicht verstand. Ich merkte mir die Laute und lernte sie so, wie ich sie verstand.

Die Haare verkürzte mir eine Freundin als Ausdruck meiner inneren Abscheu, als ich erfuhr, dass es Juden gab und was mit ihnen geschehen war. Die Menschen um mich herum konnte ich mit den Charakteren in „Damals war es Friedrich“ austauschen. Es waren exakt die Gleichen: mit ihrem Verrat aneinander, die Obrigkeitshörigkeit, Angst vor dem was die Nachbarn reden, gut da stehen wollen, sich abwenden bei Schwäche.

Zur selben Zeit begriff ich, was mit den Tieren geschah, bevor sie auf dem Teller landeten und nachts träumte ich von brennenden Atomkraftwerken. Es war eine entsetzliche Lebensspanne, die Schmerzen betäubte ich mit Alkohol und anderen Mitteln. Meine Locken versuchte ich mit Kernseife zu steifen, abstehenden Dolchen auf meiner Kopfhaut zu drehen: blondiert, pink, schwarz. Zu meiner Mutter gesellte sich nun trotz all der Doppelmoral die nächste Schande: Punkerkinder. Mein  Bruder kam als einer der ersten Punks in eine Zeitung samt Interview.

Gleich einem Zeugen Jehova stand der Patenonkel des männlichen Ablegers vor der Tür und wollte diesen bekehren, zu einem Leben in Bürgerlichkeit und Anstand, das wir nicht als anständig ansehen konnten. Unsere HeldInnen saßen im Gefängnis, hungerten sich tot, zersprengten Strommasten und frönten Demos.

Die Verwandten entledigten sich der abtrünnigen Mischlingserzeugerin durch Ausschluss von Familientreffen.  

So wuchs ich zu einer anderen Deutschen heran. Auch wenn ich weiblich aussehe, so fühle ich mich doch androgyn. Ich lebe gerne alleine, kann mit Weihnachten seit meinem 17. Lebensjahr nichts mehr anfangen, denn seit diesem Zeitpunkt mied ich das Zuhause aus dem ich kam und welches es gleichzeitig niemals gab und tauschte es in jenes bei mir selbst ein, immer wieder verlierend, immer wieder findend.

Von keiner Gruppe will ich vereinnahmt werden, denn es gibt sie nicht: die gleiche Meinung. Es gibt kleinere und größere Schnittmengen in unterschiedlichen Zusammenstellungen. Ich lebe von meiner Musik und lehne Haschisch ab, so wie jede Form der Selbstlüge. Ich studierte, lebte alleine in einem Bauwagen für viele Jahre und fuhr durch mein geliebtes catalanisches Frankreich und atmete Großstädte. Ich begegnete einem Halbbruder, der das Geheimnis meines Vaters entlüftete, doch aus Ehre für sich behält. Er wollte mich einführen in das heilige Nennen von verschiedenen Begrüßungsformeln für hierarchische Familienstrukturen. Womit ich wiederum nichts zu tun haben will. Das liegt laut Gehirnentwicklung auch nicht in den Genen, sondern dient den Machthabern der jeweiligen Gesellschaft. Als mein Bruder sich das Leben nahm, verabschiedete sich der heimliche halbe Bruder endgültig, denn schmutzige Finger wollte er nicht. Er möchte mit seiner Familie die Mär vom asketischen aufopfernden Familienoberhaupt nähren und nicht die Auswirkung dessen begreifen, was kein Kind braucht: Verleugnung. Nein, wir sind nichts für die Happy-Familienzusammenführung auf SAT1 oder RTL.

Ich bin eine andere Deutsche und kann mit Fußball nichts anfangen. Eine Nationalität ist eine Identität, die Menschen einem erfinden. Stolz bin ich nur auf etwas, was ich mir erwerbe: meine Integrität, die Augenblicke in denen ich mutig bin, sowas in der Art, jedoch nicht Aufgezwungenes, zu dem ich Geschlecht, Eltern, Land, Menschsein undsoweiter zähle. Wenn jemand im Namen eines „wir“ spricht und das geschieht verdammt oft, so hebe ich die Augenbrauen, denn erstens gehöre ich oft nicht in dieses „wir“ und zweitens dient diese Art der Rede dazu sich selbst nicht alleine darzustellen. Altwerden, Singlegedöns, diese Debatten das geht alles an mir vorbei – können wir uns nicht in den Sessel setzen und wirklich miteinander sprechen, ohne bei Wikipedia nachzuschlagen?

So verzichte ich auf ungewollte Wire, mit wachen Augen, offenem aber verstecktem Herzen, Hirn, Hund und Gesang und lieber allein: damit ich von dem was ich bin, so wie ich bin, leben kann.

2016     A.S.


Behandle jeden Menschen gleich, egal wer er ist. Das ist alles.

(Harry Löwenstein, letzter lebender Mensch jüdischen Glaubens aus Höxter)

Andalus. Sprichwort

Träume

Träume sind wichtig, denn die Realität ist oft kompliziert. Träume bieten viele gute und schöne Lösungen, die das Leben verwehrt ...

Daher träumen wir so gern ...